Am Montagnachmittag treffen sich die belgischen Corona-Gesundheitsexperten, um über eventuelle Folgen der hohen Corona-Infektionszahlen in China zu diskutieren. Muss Belgien zusätzliche Maßnahmen ergreifen, um zu verhindern, dass neue Varianten möglicherweise nach hier gelangen?
Expertengruppe trifft sich wegen hoher Corona-Infektionsraten in China
Auf den ersten Blick scheint es fast so, als hätte man die Zeit zwei Jahre zurückgedreht und wäre es wieder Anfang 2020: In China schlägt das Corona-Virus hohe Wellen und verschiedene Länder ergreifen Maßnahmen. Im Unterschied zu damals ist das Corona-Virus kein Unbekannter mehr und kennt Belgien eine hohe Immunität: Viele Menschen sind geimpft oder haben eine oder mehrere Infektionen hinter sich.
“Die Zeit der großen Corona-Wellen ist vorbei - zumindest bei uns.”
Virologe Marc Van Ranst von der KU Leuven
"Wir nähern uns dem Ende der Pandemie", erklärt Virologe Marc Van Ranst von der KU Leuven (Foto unten): "Die Zeit der großen Corona-Wellen ist vorbei - zumindest bei uns.” Auch der Virologe des belgischen Gesundheitsinstituts Sciensano schlägt einen ähnlichen Ton an: "Ich bin optimistisch: Unsere Immunität ist robust", sagt Steven Van Gucht: "Die Wahrscheinlichkeit, dass wir strenge Maßnahmen ergreifen müssen, wie wir sie in den letzten Jahren erlebt haben, ist sehr gering.”
Zahl der Corona-Toten sinkt stetig
Die Zahl der Todesfälle durch Corona ist in den letzten Jahren stetig gesunken. Im ersten Corona-Jahr 2020 waren fast 20.000 Landsleute an Covid-19 gestorben, im vergangenen Jahr waren nur noch etwa ein Viertel Patienten gestorben. "Die Opfer sind in etwa die gleichen, die auch bei der Grippe zu beklagen sind”, erklärt Virologe Van Ranst: "Es betrifft also hauptsächlich ältere Menschen (sprich: über 75) und Menschen, die bereits bestimmte andere gesundheitliche Probleme haben.“
Beide Virologen betonen, dass das Corona-Virus nicht verschwunden ist und vielleicht nie ganz verschwinden wird: "Das Virus wird unter uns bleiben", so Van Gucht (Foto unten): “Wir hatten zuletzt auch eine Corona-Welle im Sommer. Ich hoffe, dass Covid-19 irgendwann ein Wintervirus wie die Grippe wird." Van Ranst geht auch von dieser Annahme aus: "Irgendwann wird es sich zu einem saisonalen Virus entwickeln", sagt der Virologe von der KU Leuven: "Natürlich kommt es zusätzlich zur Grippe und den Atemwegsinfektionen hinzu. In diesem Sinne ist es eine zusätzliche Belastung für den Pflegesektor, aber nicht in dem Maße, wie wir es in den letzten Jahren erlebt haben.”
Müssen wir uns Sorgen um China machen?
Sollten wir uns also überhaupt keine Sorgen über die Vorgänge in China machen? Die Zahl der Infektionen nimmt dort sehr schnell zu. Ausländische Experten rechnen mit bis zu zwei Millionen chinesischen Todesopfern in den kommenden Wochen und Monaten, nachdem die Volksrepublik alle Vorsichtsmaßnahmen praktisch über Nacht aufgehoben hatte. Das führte nun zu einer starken Ausbreitung des Virus.
“Die Wahrscheinlichkeit, dass in China eine gefährliche Variante entsteht, scheint mir gering. (...) Es gibt wenig - evolutionären - Druck für das Virus, sich anzupassen.”
Virologe Steven Van Gucht (Sciensano)
"Die Wahrscheinlichkeit, dass in China eine gefährliche Variante auftaucht, erscheint mir gering", sagt Sciensano-Virologe Van Gucht: "Schließlich muss das Virus nicht erst mutieren, um ganz China zu erobern. Die omikron-Variante ist bereits hochgradig ansteckend. Es gibt wenig - evolutionären - Druck für das Virus, sich anzupassen. Ich mache mir vor allem Sorgen um die Menschen dort drüben, vor allem um diejenigen, die gesundheitlich angeschlagen sind", erklärt Van Gucht: "In China kursieren jetzt vor allem Varianten, die wir bereits kennen. Mit anderen Worten, unsere westlichen Varianten erobern China.”
Zu diesem Zweck treffen sich die verschiedenen Experten am Montagnachmittag, um zu prüfen, ob zusätzliche Maßnahmen ergriffen werden sollten. Van Gucht und Van Ranst sitzen ebenfalls mit am Tisch. Mehrere Länder, auch in Europa, haben bereits strengere Maßnahmen für chinesische Reisende ergriffen. Hier und da gibt es beispielsweise wieder obligatorische Corona-Tests. Belgien veranlasst keine strengeren Maßnahmen und zieht eine europäische Regelung vor.
Eine neue Variante kann überall entstehen: in Afrika oder sogar in Westflandern."
Virologe Steven Van Gucht (Sciensano)
"Warum sollte man einen Flug aus China anders behandeln als einen aus Afrika oder Amerika?", fragt sich Van Gucht. "Das Virus kursiert dort gerade heftig, aber eine neue Variante kann überall entstehen: Es könnte auch in Afrika oder sogar in Westflandern sein. Nach Ansicht der Virologen müssen wir daher sehen, ob wir Varianten - wo auch immer sie auftauchen - rechtzeitig ausfindig machen können.”
