Flüchtlingsorganisationen sind besorgt über die Gesundheitslage in einem großen Gebäude in der Brüsseler Gemeinde Schaarbeek, das von rund 800 Asylbewerbern besetzt wird. Es besteht die Gefahr, dass sich Krankheiten wie Hautdiphtherie, Tuberkulose und Krätze dort weiter ausbreiten. Experten und Gesundheitsdienstleister sprechen von einer "epidemischen Situation".
In besetztem Haus mit rund 800 Asylbewerbern in Schaarbeek droht Ausbreitung von Infektionen
Auf Ersuchen der Bürgermeisterin von Schaerbeek, Cécile Jodogne (DéFI), wurde letzte Woche eine Gesundheitsinspektion in dem besetzten Haus in der Paleizenstraat durchgeführt, in dem derzeit rund 800 Asylbewerber leben. Die Ärzte haben mehrere Tuberkulosefälle, besorgniserregende Fälle von Diphtherie und eine sehr starke Verbreitung von Krätze festgestellt.
Die Ärzte haben bei neun von zehn Afghanen Krätze diagnostiziert, bestätigte Baptiste Buidin von der Gemeinde Schaarbeek gegenüber dem Medienkanal BRUZZ. In dem besetzten ehemaligen Gebäude des Finanzamts sollen sich etwa 250 Afghanen aufhalten. "Die Ärzte haben betont, dass die Situation so besorgniserregend ist, dass sie von einer Epidemie sprechen", sagte Buidin.
Dr. Sabine Allard, Infektiologin am UZ Brüssel, bestätigt, dass die Gesundheitslage besorgniserregend ist. Krätze ist eine Krankheit, die wie die Hautdiphtherie durch engen Hautkontakt übertragen wird. Diphtherie wird durch ein Bakterium verursacht und kann sich auch an anderen Stellen, z. B. in den Atemwegen, festsetzen, was manchmal sogar tödliche Folgen hat. Da Belgier geimpft sind, genießt die Bevölkerung eine Gruppenimmunität. "Aber wenn Menschen aus Ländern kommen, in denen nicht geimpft wird, bekommt dieser Schutz Risse.
Tuberkulose
Tuberkulose wird über die Luft übertragen. "Ein bisschen wie Corona, aber viel weniger ansteckend", sagt Dr. Allard: "In dem besetzten Haus besteht jedoch eine hohe Ansteckungsgefahr.”
"Sobald bei jemandem Tuberkulose diagnostiziert wird, muss diese Person isoliert werden und ihre Umgebung muss verstärkt überwacht werden. Tatsächlich kann die Tuberkulose nach etwa fünf Jahren ausbrechen. Deshalb ist es jetzt sehr wichtig zu wissen, wer mit wem in Kontakt gekommen ist". Die Zahl der Tuberkulosefälle nimmt seit einigen Jahren zu, unter anderem wegen anderer Flüchtlingskrisen und weil die Menschen mehr reisen.
Medizinisches Screening
Seit dem Umzug des Registrierungszentrums für Asylbewerber in das Pacheco-Gebäude werden Asylbewerber nicht mehr ärztlich untersucht. Ärzte ohne Grenzen hat daher im Pacheco-Gebäude einen provisorischen medizinischen Posten eingerichtet.
Am 19. Dezember soll das besetzte Gebäude geräumt werden und müssen sich die achthundert Bewohner eine andere Bleibe suchen. Da es an Unterkünften für Asylbewerber mangelt, könnten viele wieder auf der Straße oder in anderen besetzten Häusern landen. "Mit anderen Worten: Das Risiko einer Ausbreitung ist hoch, solange diese Gruppe nicht medizinisch überwacht wird", warnt Dr. Allard.
Am Donnerstag fand eine Beratung zwischen der Gemeinde Schaerbeek, der Region Brüssel, Fedasil und der Staatssekretärin für Asyl und Migration Nicole de Moor (flämische Christdemokraten, CD&V) statt. "Es wurde nichts entschieden", fasste Buidin das Gespräch zusammen: "Sehr frustrierend."
Der Sprecher des Staatssekretärs betonte, dass die Situation "alle beunruhigt". Deshalb arbeitet die Regierung zusammen mit den verschiedenen Behörden an einem ambulanten Sanitätsdienst, um den Betroffenen eine grundlegende Gesundheitsversorgung zu gewähren.
