Auch in belgischen Museen befinden sich Kunstwerke aus jüdischem Besitz, die vor und während des Zweiten Weltkriegs zwangsenteignet wurden oder die unter ihrem eigentlichen Wert verkauft wurden. Einige Nachkommen von damals Geschädigten bereiten jetzt ihre Verfahren vor, mit denen sie solche Werke zurückfordern wollen. Geert Sels, Journalist bei der flämischen Tageszeitung De Standaard, bündelte seine diesbezüglichen Recherchen jetzt in einem Buch.
Nazi-Raubkunst in belgischen Museen: "Die Regierung muss endlich Farbe bekennen"
Sels weiß, dass auch in Museen in Belgien Kunstwerke ausgestellt werden oder in Archiven verbleiben, deren Herkunft zweifelhaft ist. Solche Werke stammen nicht selten aus den Sammlungen von jüdischen Familien, die diese während der Nazizeit und des Zweiten Weltkriegs verloren. Belgien sei vor dieser Geschichte nicht immun, so der Journalist, der eigene weitgehende Nachforschungen jetzt in Buchform gegossen hat ("Kunst voor Das Reich", Lannoo-Verlag).
Bei verdächtigen Kunstwerken muss man also der Herkunft ab 1933 bis 1945 nachgehen und zwar von Besitzer zu Besitzer. Wenn es da ein Loch gibt, kann das bedeuten, dass hier etwas nicht koscher ist.“
Journalist Geert Sels erforscht Nazi-Raubkunst in Belgien
Den Begriff „Nazi-Raubkunst“ müsse man breit gefächert interpretieren, so der Journalist gegenüber VRT NWS-Kulturredakteurin Kristien Bonneure. Es gehe dabei nicht nur um Kunst, die Juden im Zweiten Weltkrieg von den Nationalsozialisten gestohlen wurde, sondern auch um Werte, die jüdischen Familien schon in den 1930er Jahren abhandenkam, als diese Deutschland nach dem Machtwechsel zu Gunsten der Nazis Deutschland verließen.
Sogenannte "Fluchtkunst"
Juden, die in den 1930er Jahren aus Deutschland und auch aus Österreich flohen, als sich der Antisemitismus durch die Nazis weiter verbreitete, verkauften ihre Kunstwerke teilweise unter zwang und weit unter Preis oder sie tauschten sie, um sichere Orte aufsuchen zu können oder im ihre Flucht finanzieren zu können. „Wir müssen dies also nicht aus unserer Perspektive betrachten, sondern aus der der Flüchtlinge von damals“, so De Standaard-Journalist Geert Sels gegenüber VRT NWS.
Ab etwa 1934 wurden sogenannte „Juden-Versteigerungen“ organisiert, bei denen Kunstwerke aus jüdischem Besitz verkauft wurde. Werke aus solchen Versteigerungen sollen auch in Belgien gelandet sein: „Ich habe in einer belgischen Privatsammlung ein Werk angetroffen, dass 1935 bei einer solchen Versteigerung in Berlin verkauft wurde.“ Nazi-Raubkunst aus zweifelhafter Quelle ist also seinerzeit auch von belgischen Einrichtungen oder Sammlern erworben worden.
Zwei Fallbeispiele
Die jüdische Familie Seegall hatte in den 1930er Jahren mehrfach vergebens versucht, ein Visum für Belgien zu bekommen. Doch irgendwann kam es zu einem „Deal“. Das Museum für Schöne Künste in Brüssel durfte sich 10 Werke auf Papier aus der Kunstsammlung der Seegalls aussuchen: „Die Familie bekam ihre Visa und die Kunstwerke befinden sich noch immer im Museum.“
Ankauf zu günstigen Bedingungen, stammt von flüchtigen Österreichern.“
Museum für Schöne Künste Antwerpen zum Kauf von Gemälden im Jahr 1940
Ein Kunsthändler namens Paul Rosenthal aus Österreich, der in den 1930er Jahren durch mehrere europäische Länder flüchtete, verkaufte dem Museum für Schöne Künste in Antwerpen 1940 Gemälde von Roelant Savery (u.a. „Orpheus und die Tiere“, Foto oben) und Willem Buytewech. Das Museum schrieb beim Kauf dazu: „Ankauf zu günstigen Bedingungen, stammt von flüchtigen Österreichern“. Also wusste man im Antwerpener Museum genau, wo diese Werke herkamen.
Was muss getan werden?
Können die Nachkommen von so geprellten jüdischen Besitzern solche Kunst zurückerhalten? „Zwei Anwälte werden Claims im Namen von drei Familien einreichen,“ so Geert Sels. Das bedeutet, dass es zu Gesprächen zwischen den Familien und den Museen kommen muss: „Die belgische Regierung muss jetzt endlich einmal Farbe bekennen.“
Anfang dieses Jahres wurde ein Gemälde von Lovis Corinth im KMSK in Brüssel abgehängt und den Nachkommen der eigentlichen Besitzer übergeben. Das war eine Premiere in unserem Land. Dieses Werk war von der fliehenden jüdischen Familie Mayer in einem Depot in der belgischen Hauptstadt gelagert worden, doch dieses Depot mit dutzenden weiteren Werken wurde von den deutschen Besatzern 1942 beschlagnahmt.
Das Brüsseler Museum selbst gibt an, 24 Werke zweifelhafter Herkunft im Besitz zu haben. Und es gibt in Belgien eine Webseite zu Kunstwerken, die während der Nazizeit und dem Zweiten Weltkrieg in Belgien gestohlen wurden und die niemals mehr aufgetaucht sind.
