Wird die Inflation in den kommenden Monaten noch weiter in diesem Tempo steigen? Wirtschaftsprofessor Koen Schoors von der Universität Gent (UGent) glaubt nicht, dass das so schnell passieren wird. "Eigentlich wird die Inflation schon jetzt etwas überschätzt", sagte er in Terzake im öffentlich-rechtlichen VRT-Fernsehen am Freitagabend.
Ökonom Koen Schoors (UGent) erwartet Besserung: Extrem hohe Inflation wird überschätzt
Das Leben ist im Oktober wieder deutlich teurer geworden: Die Verbraucherpreise liegen im Schnitt um 12,27 Prozent höher als im Oktober letzten Jahres. Das bedeutet eine Inflationsrate von über 12 Prozent, den höchsten Stand seit fast 50 Jahren. "Das ist natürlich extrem hoch", sagt Professor Schoors: “und hat viel mit den Energiepreisen zu tun. Teilweise sind diese bereits rückläufig. Wir gehen davon aus, dass dieser Teil der Inflation in Zukunft stark zurückgehen wird.”
Eine Inflationsrate von über 17 Prozent wie in den Niederlanden wird Belgien nicht treffen, glaubt Professor Schoors: "Meiner Meinung nach wird die Inflation bereits etwas überschätzt, weil die Energieunternehmen die Preise immer noch erhöhen, während ihre Produktionskosten bereits sinken. Die Preise für neue Verträge sind im September weiter gestiegen, während die Gaspreise im Oktober sehr stark gesunken sind, und auch die Strompreise sind rückläufig. Ich denke also, dass dieser Teil der Preissteigerung langsam verschwinden wird."
Woher kommt diese hohe Inflation?
Seit gut einem Jahr sind wir mit starken Preiserhöhungen konfrontiert. "Nach Corona gab es einen enormen Anstieg der Nachfrage, dem das Angebot nicht folgen konnte. Hinzu kam der Krieg in der Ukraine, der die Energiekosten in die Höhe trieb", erklärt Koen Schoors.
"Während die EZB auf die Bremse tritt, geben die Regierungen Gas. Bei diesem Auto tritt Qualm aus den Reifen."
Koen Schoors, Wirtschaftswissenschaftler der Universität Gent
Die Europäische Zentralbank (EZB) hat daraufhin die Zinssätze erhöht. "Sie hat dies nun schon zum dritten Mal getan. Kredite werden teurer, die Leute konsumieren und die Unternehmen investieren weniger. Das kühlt die Wirtschaft ab und das Problem entschärft sich", so Schoors. Allerdings spüren wir die Auswirkung davon erst einige Zeit später.
Gleichzeitig sieht Schoors aber auch, dass die Regierungen "finanzielle Hilfen verteilen, aber nicht nur an diejenigen, die sie brauchen. Während die EZB auf die Bremse tritt, geben die Regierungen Gas. Bei diesem Auto tritt Qualm aus den Reifen."
Die Lohnindexierung vergrößert das Problem
In diesem Zusammenhang sieht Professor Schoors auch ein Problem mit dem belgischen System der automatischen Lohnindexierung. Dieses System gewährleistet, dass die Kaufkraft bei steigenden Preisen einigermaßen erhalten bleibt. Aber auch das führt zu einer Spirale, argumentiert Schoors.
"Energie und Lebensmittel werden teurer. Das hat zur Folge, dass die Löhne irgendwann durch die Indexierung steigen. Für alle Unternehmen steigen dann die Kosten, die sie in Form höherer Preise weitergeben. Die Inflation weitet sich also aus". Schoors sagt, er sei nicht unbedingt ein Gegner der automatischen Indexierung der Löhne. "Aber so wie es jetzt funktioniert, vergrößert es das Problem", bekräftigt er.
